03.03.2026 | Abnehmspritzen bei Adipositas:
Die sogenannten Abnehmspritzen stehen immer stärker im Mittelpunkt einer breiten öffentlichen Debatte. Viele Prominente haben mit ihrer Hilfe ihr Traumgewicht erreicht. Sie wecken Hoffnungen, werfen Fragen auf und verändern den Blick auf die Behandlung von Adipositas. Zum Welt-Adipositas-Tag informiert das Adipositas Netzwerk Alb-Donau über den aktuellen Stand der medizinischen Möglichkeiten – und ordnet Erwartungen realistisch ein.
Adipositas ist eine chronische, multifaktorielle Erkrankung. Sie entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Faktoren, Stoffwechselprozessen, psychischen Einflüssen, Lebensstil und Umweltbedingungen. Das starke Übergewicht erhöht das Risiko für Folgeerkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gelenkprobleme. Entsprechend wichtig ist eine langfristig angelegte, individuelle Therapie.
Die sogenannten Abnehmspritzen basieren auf Wirkstoffen, die natürliche Darmhormone nachahmen. Diese Hormone beeinflussen das Hunger- und Sättigungsgefühl im Gehirn, verlangsamen die Magenentleerung und können den Blutzuckerstoffwechsel positiv verändern. Viele Patienten berichten über ein schneller eintretendes Sättigungsgefühl und einen reduzierten Appetit. Dadurch kann eine Gewichtsabnahme unterstützt werden.
Dabei geht die Entwicklung immer weiter. Während die ersten für Adipositas zugelassenen Spritzen noch das körpereigene Darmhormon GLP-1 nachahmten, setzt ein anderes Medikament bereits auf die Wirkung von zwei Darmhormonen. Derzeit arbeiten Forscher an weiteren Mitteln mit noch mehr Hormonrezeptoren und anderen Darreichungsformen. In den USA wurden zuletzt erstmals Tabletten zugelassen, die auf vergleichbaren Wirkprinzipien beruhen.
Für viele Mediziner sind die neuen Medikamente Gamechanger, denn über viele Jahre standen in der Behandlung von Adipositas nur begrenzte medikamentöse Optionen zur Verfügung – anders als bei anderen chronischen Erkrankungen. Die Wirkstoffe in den Abnehmspritzen markieren daher einen medizinischen Fortschritt. Sie erreichen bei vielen Patienten starke Abnahmeeffekte und ermöglichen es so, das individuelle Risikoprofil für Folgeerkrankungen effektiv zu senken. Gleichzeitig haben sie zwei große Haken: Sie wirken nur, solange sie genommen werden und aktuell müssen sie komplett von den Patienten bezahlt werden. Zudem haben sie – wie alle Medikamente – neben der erwünschten Wirkung auch Nebenwirkungen, die unterschiedlich erlebt werden.
„Abnehmspritzen sind kein Allheilmittel, aber eine weitere Möglichkeit in unserem Behandlungsportfolio. Die individuellen Ursachen für krankhaftes Übergewicht sind sehr unterschiedlich und deshalb benötigen wir auch unterschiedliche Instrumente, um unseren Patienten zu helfen. Wenn sie sich für einen Patienten als sinnvolle Option darstellen, funktionieren sie auch gut“, sagt Bernd Nasifoglu, Sektionsleiter der Viszeralchirurgie im Alb-Donau Klinikum Ehingen. „Gleichzeitig ist entscheidend zu wissen, dass sie nicht für jeden und nicht für immer die richtige Lösung sind.“
Marcus Junger, Ernährungsmediziner im Adipositas Netzwerk Alb-Donau und tätig im MVZ Ehingen, betont die Rolle der Medikamente im Gesamtkonzept: „Als alleiniges Mittel zur Gewichtsabnahme sehe ich die Abnehmspritzen skeptisch. Als begleitende Therapie können sie jedoch sehr hilfreich sein.“ Adipositas sei eine Erkrankung, die mehrere Therapiebausteine erfordere. „Ernährung und Bewegung bleiben die zentralen Elemente. Die Medikamente sind zudem nur zugelassen für Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) ab 30 sowie mit einem BMI ab 27 und zusätzlichen Gesundheitsproblemen wie etwa Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen.
Einen möglichen Vorteil der Therapie sieht der Ernährungsmediziner darin, den Einstieg in einen aktiveren Alltag zu erleichtern. „Wenn Patienten mit einem hohen BMI initial Gewicht verlieren, werden Bewegungen oft leichter, Schmerzen können abnehmen und körperliche Aktivität wird wieder möglich“, so Junger. Gleichzeitig gelte: „Schafft man es nicht, unter der Therapie einen neuen aktiven Lebensstil mit gesunder Ernährung und Sport zu etablieren, ist die Gewichtsabnahme auch mit den Spritzen nicht nachhaltig, denn sobald man sie absetzt, setzt der Jojo Effekt ein.“
Für das Adipositas Netzwerk Alb-Donau bleibt die Einordnung klar: Abnehmspritzen sind kein Ersatz für eine ganzheitliche Therapie, sondern ein ergänzender Baustein für einen Teil der Patienten. Ob und für wen sie sinnvoll sind, muss individuell und ärztlich entschieden werden. Ziel aller Maßnahmen ist eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit und Lebensqualität der Betroffenen.
Infobox
In monatlich stattfindenden Infoabenden stellt Bernd Nasifoglu die Arbeit des Netzwerks und die Möglichkeiten einer erfolgreichen Behandlung der Adipositas vor. Auch individuelle Fragen können an diesem Abend besprochen werden.
Die Infoabende finden im Konferenzbereich des Gesundheitszentrums Ehingen bzw. im Konferenzraum des Gesundheitszentrums Langenau statt. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich.
Die Infoabende der nächsten Monate sind
in Ehingen in Langenau
14. April 17:30 Uhr 20. April 17:30 Uhr
5. Mai 17:30 Uhr 18. Mai 17:30 Uhr
9. Juni 17:30 Uhr 22. Juni 17:30 Uhr
